30 März Bin ich liebenswert?
„Barmherzig und gnädig ist Gott, groß ist seine Geduld und grenzenlos seine Liebe! Er beschuldigt uns nicht endlos und bleibt nicht für immer zornig. Er bestraft uns nicht, wie wir es verdienen würden; unsere Sünden und Verfehlungen zahlt er uns nicht heim. Denn so hoch, wie der Himmel über der Erde ist, so groß ist seine Liebe zu allen, die ihm vertrauen.“
Psalm 103,8-11
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Heute Morgen erwachte ich mit einem melancholischen Gefühl aus einem Traum. In dem Traum begegnete mir Heike; und sie begegnet mir nicht. Sie war da aber erschien unverfügbar zu bleiben. Sie flüchtete nicht, trat aber auch nicht wirklich in Kontakt.
Eine große moderne Wohnung mit schlichten weißen Bauhaus-Türen. Alle verschlossen. Kühl, distanziert. Heikes Wohnung vielleicht. Und vielleicht war Heike auch hinter einer der Türen.
Ich kam ihr nah. Symbolisch zumindest. Und sie flüchtete nicht. Sie wurde auch nicht wütend. Sie ließ das Nahekommen geschehen. Aber die damals gefühlte und gelebte Resonanz gab es nicht. Vielleicht vage, als ein vages Versprechen, das nichts verspricht.
Nein, sie flüchtete nicht, blieb in verhaltener Zuneigung in ihrer Wohnung. So, wie damals meine Kinderfreundin blieb, als ich klein war: Ohne Versprechen und mit der Option, sich jederzeit umzudrehen und zu gehen.
Was empfand Heike damals vor acht Jahren?
Zuneigungsbekundungen hätte sie mir gegenüber nie aus eigenem Gefühl geäußert, nur meine gespiegelt. Sie könne so etwas gar nicht, hatte sie mir damals in der Phase der Trennung wütend entgegengeschleudert.
Konnte sie das wirklich nicht? War die damals so lebendig gefühlte Resonanz nur erträumt?
Ich erlebte ihre Zuneigung immer als gebremst, nie als stürmisch und frei. Aber ich fühlte sie: Sich selbst festhaltend, um nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten. Wie eine teure Tafel Schokolade, die in man nur selten aus einer verschlossenen Schublade holt, um ein kleines Stück davon zu essen. Ständig in Sorge, die Tafel könnte irgendwann nicht mehr da sein, weil man die Schublade zu oft geöffnet, zu oft zur Schokolade gegriffen hatte. Und am liebsten würde man die Schublade überhaupt nicht mehr öffnen, damit die Schokolade immer dort verfügbar bleibt.
Ich spürte also Heikes Zuneigung sehr deutlich. Ich spürte aber auch, dass ihr nicht wohl damit war. Und Heike konnte mit Sicherheit Wut und Ablehnung deutlich besser äußern als Zuneigung.
Wie sollte sie mich lieben, wenn ich mich nicht selbst als liebenswert empfände, zürnte sie in der Phase der Trennung vor sechs Jahren. Zu spät wurde mir bewusst, dass sie das Wort „liebenswert“ in einem anderen Sinn verstand als ich. Nicht im Sinne eines Verhaltens. Denn ich verhielt mich durchaus liebenswert. Sondern vielmehr, dass ich mich ihrer Liebe nicht wert empfunden hätte.
Wie ist das? Fühlen wir uns der Liebe des anderen wert? Eine Borderline-Patientin äußerte das neulich sehr schmerzvoll: Wie solle ein anderer Mensch sie wirklich lieben mit all ihren schweren Päckchen?!
Ich dachte sofort an Heike damals und erzählte ihr, wie unwichtig die schweren Päckchen sind, wenn man jemanden liebt. Ich erzählte ihr von Heike, und dass ihre Päckchen meine Liebe nie beeinträchtigt hatten.
Der andere ist kein Produkt, keine Ware, die man enttäuscht zurückschickt, wenn sie Makel aufweist. Und der Liebe des anderen sind wir nicht wert, weil wir makellos wären.
Liebe empfangen und Liebe geben, tun wir aus Gnade (Grace). Und Hartmut Rosas Konzept der Unverfügbarkeit trifft gerade auf die Liebe zu: Wir können nichts dafür tun! Und wenn sie uns geschieht, geschieht sie uns nicht ob unserer positiven Eigenschaften, sondern trotz unserer Makel.
Heike empfand sich selbst nicht als liebenswert. Sie versuchte, ihren Körper herunterzuhungern, lechzte nach Aufmerksamkeit und Anerkennung, kämpfte mit der Scham, keine gute Mutter zu sein und verstand nicht, warum ich angesichts ihrer Wutausbrüche nicht das Weite suchte oder zumindest nicht ebenfalls mit Wut reagierte.
Doch ich empfand nur tiefes Mitgefühl, dass es ihr so schlecht ging. Und schmerzhaften Kummer über das, was da im Frühjahr 2020 geschah.
Empfinde ich mich als liebenswert? Um das Thema noch einmal aufzugreifen: Nein, sicher hatte Heike da recht! Auch wenn ich dutzende Gründe hätte aufzählen können, warum ich ihrer Liebe wert gewesen wäre.
Irgendwer sagte einmal: Gott liebt uns nicht, weil wir gute Christen wären und alle Gebote befolgen würden, sondern er liebt uns trotz unserer Fehlerhaftigkeit, trotz allem, was wir falsch machen, trotz unserer Sünden, einfach weil wir sind. Gnade, Grace…
Martin Schleske schreibt, Gott ist Künstler, nicht Konstrukteur. Und der Künstler schaut, was er an Gegebenen und Gewachsenen vorfindet, schaut, was er daraus machen kann. Kunst ist Dialog, so wie Liebe Dialog ist. Ein Konstrukteur wäre dagegen zurecht verärgert über ein unvollkommenes Werk.
Heike, meine Borderline-Patientin, ich… Wir sind alle liebenswert, Wert der Liebe. Doch wie sie uns geschieht, das liegt nicht in unserer Hand. So, wie der Text, der heute Morgen am Küchentisch entstand, ohne dass ich ihn schreiben wollte.