04 Okt. Hamburg
„…wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege!“
Römer 11,33
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Die Wagen des Doppelstockzuges sind nicht mehr rot. Vielmehr bewegt sich der Zug in einem fast violett anmutenden tiefen Nachtblau durch die Landschaft. Nur das DB-Logo erinnert daran, dass der Betreiber nicht gewechselt hat. Auch muss der Anstrich noch recht jung sein. Auf der Fensterscheibe, durch die ich nach draußen schaue, deutet ein feiner bläulicher Farbnebel auf die neue Lackierung hin. „Nächster Halt: Bad Oldesloe“, tönt es aus dem Lautsprecher.
Fahrt in die Vergangenheit
Ich bin auf dem Weg nach Hamburg – das erste Mal seit sechs Jahren. Eine Weiterbildung zur Autismus-Diagnostik im Erwachsenalter hat mich dazu motiviert.
Oder wollte ich einfach mal wieder nach Hamburg?
Ich mied die Stadt seit sechs Jahren. „Nie wieder Hamburg!“, schrieb ich einmal. Der Schmerz um die Trennung von Heike war zu groß. Nein, man soll nicht vermeiden!
Also sitze ich im Zug. „Nächster Halt: Bad Oldesloe“. Mir wird etwas unwohl. Ich traf Heike das erste Mal im Bahnhof von Bad Oldesloe. Und nun blicke ich etwas starr um mich.
Der Zug bewegt sich weiter. Eigentlich weiß ich, was mich erwartet: Wir fahren über Ahrensburg, Rahlstedt, Hasselbrook zum Hamburger Hauptbahnhof. Die vorbeiziehende Landschaft ist satt und grün und wunderschön. Ahrensburg… Und dann blicke ich auf all die Wege, auf denen ich stundenlang mit Heike spazieren ging. Den kleinen Bahnübergang, an dem man das Stellwerk anrufen muss, damit dieses die Schranke öffnet. Ich kenne alle Wege und wohin sie führen… Es ist mir unangenehm, im Zug zu weinen. Weil doch keiner versteht, warum ich das tue. Auch bin ich überrascht, wie heftig Emotionen nach sechs Jahren plötzlich wieder sein können. Ich kämpfe tapfer mit den Tränen. Rahlstedt – der Zug hält nicht; ich gewinne langsam den Kampf mit den Tränen. Hasselbrook – überall sehe ich Heike.
Irgendwie tut es auch gut, wieder dort zu sein. Alles ist so vertraut. Und immer noch so, wie es war.
Als der Zug am Hauptbahnhof ankommt, habe ich meine Emotionen im Griff. Ich muss in die U-Bahn steigen.
Verwunderung und Freude
Wie sauber alles ist… Der U-Bahnhof, die U-Bahn selbst. „Hochbahn“ steht in großen Blockbuchstaben am Ende des recht leeren Wagens. Heike erscheint schemenhaft auf dem Platz gegenüber. Vermutlich sitze ich an einer ähnlichen Stelle wie damals. Ich könnte Datum und Uhrzeit benennen, will es aber nicht. Den Kampf mit den Tränen gewinne ich. Es war die gleiche U1. Nur in die andere Richtung – damals.
Klosterstern; ich muss aussteigen. In die Melancholie mischen sich Verwunderung und Freude. Ich nehme die Großstadt mit Freude wahr. Das Herz öffnet sich. Wie kann das sein, wo es sich doch in Berlin immer verschließt? Wo ich in Berlin doch immer flüchten möchte?
Ich laufe den Eppendorfer Baum entlang. Und ich kenne das Gefühl: das alte West-Berlin. Auch damals öffnete sich das Herz. Damals war Berlin noch anders.
Natürlich, es ist Eppendorf, nicht Hammerbrook… In Hammerbrook wartete ich damals über eine Stunde auf Heike, weil sie in ihrer Schule etwas zu tun hatte. Ich war dem mentalen Shutdown nahe: Der laute Verkehr, die Menschen, die baumlose Betonwüste, trostloses Grün. Eine Stunde warten in der Hölle. Warum es mir nicht gelang, besser für mich zu sorgen, kann ich schwer sagen. Womöglich hatte ich mir nicht vorstellen können, dass ein Ort so schrecklich sein kann und wollte es bis zum Schluss leugnen.
Heike begegnete meinem Zustand mit einem merkwürdig leeren Blick und verwirrter Hilflosigkeit. Einfach mal in den Arm nehmen, das konnte sie nicht. Es dauerte ein halbes Jahr, bis unsere Hände sich trauten, einander festzuhalten. Wobei es auch blieb.
Autismus-Spektrum-Störungen
Wir sprachen oft über die Möglichkeit von Autismus-Spektrum-Störungen – bei mir, bei ihr… Wenn auch vielleicht auf ganz verschiedene Weise.
Während ich im Seminarraum sitze, schließt sich der Kreis von damals. Eine Dozentin sagt: „Wenn einem das Thema Autismus einmal begegnet ist, dann verfolgt es einen das ganze Leben lang.“ Ich nicke nachdenklich…
Ich schaue auf das riesige digitale Whiteboard, denke an ein halbes Dutzend Patientinnen, die so viel Hoffnung in meine Seminarteilnahme setzen und ihre Freude darüber kaum verbergen konnten, denke an Heike, denke an mich. Und an die Frage, inwieweit wir alle neurodivergent sind.
Wenn ja, war es Heike auf andere Weise als ich. Sie vertrug die laute Betonwüste von Hammerbrook ganz gut. Auch die Menschenmassen am Hauptbahnhof. Und während ich mich zu Silvester angesichts stundenlanger Böllerei verkriechen wollte, genoss sie mit strahlenden Augen das Feuerwerk.
Dagegen fielen ihr Berührungen schwer, und sie wirkte wie ein hilfloses Kind, wenn es mir nicht gut ging.
Ich gebe zu, das ist stark verkürzt. Und ich kann Heike in ihren Widersprüchen bis heute nicht greifen. Ich spürte bei ihr immer enorme Sehnsucht nach Nähe, wohl eine viel größere, als ich sie je ihr gegenüber empfand. Und gleichzeitig bedrohlich im Hintergrund lauernde kalte Distanz. Wohl jene, die am Ende unsere Beziehung den Abgrund hinunterstieß. Meine Sehnsucht nach ihrer Nähe war kleiner, aber um so vieles stabiler und überdauernder. Ich hatte das Gefühl, habe immer noch das Gefühl, sie immer im Herzen mit mir zu tragen.
Verwundert stelle ich fest, dass ich über sechs Jahre nach der Trennung immer noch solche Texte schreibe. Es ist nicht so, dass ich nicht offen für neue Beziehungen wäre. Vielmehr erscheint mir Heike als ein vielfach verwobenes Geflecht in meiner Biographie. Und als ein Kreis, den ich nicht schließen kann. Ein Koan, ein ewiges Rätsel, das Gott mir aufgegeben hat, und das ich nicht lösen kann.
Dinge, die geschehen…
Dinge geschehen. Sie begegnen einem. Manchmal sind sie kurz und amüsant. Manchmal durchdringen sie Jahre, manchmal ein halbes Leben. Vielleicht auch ein ganzes. Manchmal sind sie bedeutungslos, manchmal Wunder.
Als ich nach einem langen Tag am späten Abend auf dem Bahnsteig, Gleis 7, des Hamburger Hauptbahnhofs auf den nachtblauen Zug nach Hause warte und gequält in die Menschenmasse starre, die wohl das gleiche Ziel verfolgt, spricht mich plötzlich ein wenig gepflegter, alter Mann mit einer Zahnlücke in Hamburgischem Dialekt an: „Keine Sorge, wir fahren heute Abend mit einem Doppelzug nach Lübeck! Acht Wagen! Da kommen alle mit…“ – Als hätte er meine Gedanken gelesen. Und ich bedanke mit lächelnd.
Ich kenne diese Dinge. Und ich mag sie. Die kleinen sind mir lieber als die ganz großen, wie jene mit Heike. Denn sie sind leichter. Doch sind die Geschichten, die sich aus ihnen entspinnen, kürzer und meist kein großes Kino.
Vielleicht ist Gott ein Zen-Meister und Heike eben sein Koan für mich… Vielleicht möchte Gott, dass ich schreibe. Vielleicht, dass ich Geduld lerne. Vielleicht, dass ich mich selbst erkenne. Und vielleicht noch etwas ganz anderes…
Klarheit
Was Heike am Ende unserer Beziehung immer wieder wütend von mir forderte, war Klarheit. „Ich möchte etwas klären, und du entziehst dich geschickt mit deinen Worten!“
Heike wollte nicht nur klären, was ist, sondern auch das, was war. Und das, was war, musste zwingend mit dem übereinstimmen, was ist. Doch das tat es nicht.
Wir waren uns in freundschaftlicher Absicht begegnet. Und auch, wenn ich von Beginn an eine tiefe Verbundenheit mit Heike spürte, wollte ich keine Liebesbeziehung mit ihr; ich hatte eine solche und wollte daran nichts ändern. Dieses war.
Dass sich die Dinge im Laufe von zwei Jahren verändert hatten und ich jenes, was sich zwischen uns entwickelt hatte, Liebesbeziehung nennen wollte, konnte sie nicht akzeptieren. Entweder es war damals schon so, dann hätte ich mich sofort trennen müssen, oder ich log in alle Richtungen.
Im Seminar hatte ich gelernt, dass Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung oft sehr starre moralische Vorstellungen haben. Bestimmte Dinge dürfen nicht sein.
Aber die Dinge des Lebens sind selten klar. Vielleicht sind sie es für den Moment. Aber nie über längere Zeiträume. Die Dinge des Lebens sind ein waberndes Muster von Möglichkeiten, von denen man nie weiß, in welche Richtung sie sich entwickeln.
Als ich am Morgen in den nachtblauen Zug stieg, erwartete ich ein interessantes Seminar, überlegte ein Praxisbewerbung in Plön und ein Tiny House in der Nähe. Ich ahnte noch nichts von den Tränen, die mich eine Stunde später überwältigen würden, nichts von meinem Glücksgefühl in Hamburg und den Gedanken an eine Praxis dort.
„Ich will Klarheit!“ Plön, Hamburg, Spandau… Was denn nun?
Einem gläubigen Patienten, der immer wieder über sein Leben und die Umstände verzweifelt, sage ich dann oft: „Gottes Wege sind unergründlich…“ (Römer 11,33)
Nein, ich log damals nicht. Nein, ich wollte mich nicht Heikes inquisitorischen Fragen entziehen. Ich konnte sie schlichtweg nicht so beantworten, wie sie es sich wünschte.
Und was ihr nicht gelang, was uns gerettet hätte: meine emotionale Klarheit, meine unbedingte Zuneigung zu ihr wahrzunehmen. Sie suchte in der Rationalität, weil ihr die Emotionalität verborgen blieb. Und möglicherweise gelang es mir auch nicht, emotional auszudrücken, wie viel sie mir bedeutete.