Verletzlichkeit, Tragik und Liebe

Verlorene Balerinas Hamburg Rahlstedt

Verletzlichkeit, Tragik und Liebe

« Ich liebe meinen Sohn. Er ist drei und niedlich und klein und drollig. Aber ich habe auch Angst um ihn, weil er verletzt werden könnte. Wenn ich die Macht hätte, das zu ändern, was würde ich dann tun? Ich dachte weiter: Er könnte sechs Meter groß sein statt nur ein Meter.  Niemand könnte ihn so um stoßen. Er könnte aus Titan bestehen statt aus Fleisch und Blut. Wenn ihm bei einer solchen Beschaffenheit irgendein Gör ein Spielzeugauto an den Kopf werfen würde, würde ihm das nichts ausmachen. Er könnte ein computerisiertes Gehirn haben. Und seine Einzelteile könnten sofort ausgetauscht werden, wären sie beschädigt. Voilà: Problem gelöst. Von wegen: Problem nicht gelöst – und nicht nur deswegen, weil so etwas gegenwärtig unmöglich ist. Julian künstlich zu (ver)stärken wäre gleichbedeutend damit, ihn zu zerstören. Statt eines kleinen Dreijährigen wäre er dann ein kalter, stahlharter Robot er. Er wäre nicht Julian, er wäre ein Monster. »

Jordan Peterson
12 Rules for Life [1]

 

« Wenn man den Menschen aber lieben sollte, so kann das, meine ich, nicht zuerst um seines vielfältigen Könnens und Vermögens willen geschehen, sondern vielmehr mit Blick auf seine Tragik. Eine wichtige Übung mag darin bestehen, Tragischem unvertrauert begegnen zu können, dies schon deswegen, weil es als Kern genau das eigentlich Menschliche ist. »

Heino Bosselmann

Schon lange bevor ich Jordan Petersons zitierte Überlegungen zur Verletzlichkeit las, war mir bewusst geworden, dass das, was ich an einem Menschen liebe, niemals seine Stärke ist, sondern vor allem eben seine Verletzlichkeit, vielleicht auch oft seine Tragik. 

Dabei mag es gut und hilfreich sein, die Verletzlichkeit eines Menschen zu lieben. Seine Tragik zu lieben, bringt das Risiko mit sich, Opfer eben dieser Tragik zu werden. Denn während Verletzlichkeit immer etwas Persönliches und Individuelles bleibt, ist Tragik ansteckend. Vor der Tragik eines Menschen muss man auf der Hut sein; man könnte Opfer ebendieser werden. Die Tragik eines Menschen hat oft die Eigenschaft, einen selbst mit in ihren Strudel zu ziehen. 

Viele meiner Patient*innen kommen deshalb in Therapie, weil sie die Verletzlichkeit eines Menschen liebten und Opfer der mit ihr verbundenen Tragik dieser Person wurden. Und ich verstehe sehr gut, wie leicht das geschehen kann, weil ich selbst diese schmerzvolle Erfahrung machen musste. Vielleicht ist man als Therapeut*in diesbezüglich auch besondern gefährdet, weil man glaubt, dass man ja weiß, wie Heilung geschehen kann. 

Menschen mit schweren Suchterkrankungen, Persönlichkeitsstörungen, Narzissten wie Borderliner, tragen ihre persönliche Tragik mit sich herum, sind in dieser Tragik auch oft liebenswert, wenn man die Geschichte und den Schmerz hinter der Tragik erkennt. 

« Ich habe immer den kleinen Jungen gesehen », erzählt eine Patientin, die eine zerstörerische Beziehung mit einem gewalttätigen Narzissten überlebt hat. Und ich glaube ihr das gerne. 

Auch ich sah immer das kleine verletzte Mädchen hinter der schroffen und verpanzerten Fassade meiner damaligen Partnerin. « Sie wirkt kalt und abweisend », sagten Freunde und Kolleg*innen über sie. Ich sah hindurch, ich liebte ihre Verletzlichkeit, die sie kaum zeigen konnte. Ich hatte Mitgefühl mit ihrer als Kind und Jugendliche erlebten Tragik: Eine Mutter, die zu ihr den Kontakt abbrach, als sie sich nach der Trennung der Eltern für den Vater entschied. Ein alkoholkranker Vater, der plötzlich verschwand, als sie 16 war und sie sich selbst überließ. 

Ich dachte nie darüber nach, dass diese Tragik für mich gefährlich werden könnte. So, wie viele Patient*innen nie darüber nachdachten, dass der Alkoholismus ihres Partners für sie gefährlich werden kann. « Helfersyndrom », würde Wolfgang Schmidtbauer bemerken. Und schon Anfang der 90er Jahre kam Isabel Allende in « Eva Luna » zu der Erkenntnis, dass Liebe nicht zu heilen vermag. 

Monster


Doch eben ist es unmöglich, einen perfekten Menschen zu lieben, weil Liebe ohne Verletzlichkeit nicht möglich ist. Seinen unverletzlich imaginierten kleinen Sohn beschreibt Jordan Peterson folgerichtig als « Monster ». Denn eben das werden Menschen, die nicht verletzlich sind: Monster. 

Man mag Freude an Perfektion empfinden, man mag sie bewundern, aber mit Liebe hat dies nichts zu tun. Liebe entsteht aus Verletzlichkeit, aus Unvollkommenheit. Tragik ist der gefährliche Schatten, der damit einhergeht. Weil ein Zuviel an Tragik Menschen seelisch verkrüppelt. Sie werden zerstörerisch, zerstören sich selbst und andere, werden grausam und kalt. 

« Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. », steht im Matthäus-Evangelium. Was böse klingt, ist letztendlich nur die Beschreibung dessen, was ist: Wer das Zerstörerische seiner eigenen Tragik nicht erkennt, trägt sie in die Welt. Opfer werden Täter, auch wenn sie es nicht wollen. Und wer glaubt, Retter der Opfer sein zu können, begibt sich in einen sinnlosen und selbstzerstörerischen Kampf. Denn Licht wird nur, wenn das Opfer selbst Bewusstheit erlangt. Dies tut es nicht durch Liebe, sondern durch Arbeit an sich selbst. Da dies schwierig ist, man häufig selbst nicht erkennt, worin das selbstzerstörerische Verhalten wurzelt, kann eine Psychotherapie hilfreich sein. 

Jordan Peterson schreibt dazu: 

« Man muss mit anderen Leuten auskommen. Ein Therapeut ist einer von diesen anderen Leuten. Ein guter Therapeut erzählt einem die Wahrheit darüber, was er denkt.… Dann erfährt man zumindest die aufrichtige Meinung einer Person. Sie ist nicht einfach zu erhalten. Das ist nichts Geringes. Es ist der Schlüssel zum therapeutischen Prozess: Zwei Menschen sagen einander die Wahrheit – und jeder hört dem anderen zu. »

Nun, warum kann dies nicht in einer Liebesbeziehung geschehen? Der Grund ist: In einer Liebesbeziehung sagt man sich oft nicht die Wahrheit. Eben weil man den anderen liebt und ihn nicht verletzen möchte. Oder weil man Angst hat, dass man den anderen dann verlieren könnte. Nicht zuletzt auch deshalb, weil man sich oft weigert, der Wahrheit ins Auge zu sehen. 

Auch ich sagte meiner damaligen Partnerin nicht die Wahrheit. Vornehmlich aus letztgenanntem Grund: Ich wollte die Wahrheit nicht sehen, wollte nicht sehen, dass aus ihrer tragischen Geschichte letztendlich ein selbstzerstörerisches und ein zerstörerisches Verhalten resultierte, das sie oft verniedlichte, so, wie Alkoholiker oft lachend erzählen, dass sie schon mal zu tief ins Glas schauen. Ich betrachtete sie mit liebenden Augen, nicht mit diagnostischen. Das Wort «naiv» würde es auch beschreiben. 

Ich tolerierte ihr Bedürfnis, stark erscheinen zu wollen. Ich tolerierte ihre Misanthropie. Ich tolerierte ihre anorexiebedingte Ablehnung von liebevollen Berührungen. Ich liebte ihre Verletzlichkeit. 

Drachen gibt’s doch gar nicht


Anhand der Kindergeschichte « Drachen gibt’s doch gar nicht » von Jack Kent beschreibt Jordan Peterson, was passiert, wenn man etwas nicht sehen will: 

« Alles, was nicht in Ordnung ist, wird unter den Teppich gekehrt, wo der Drache sich an den Krümeln gütlich tut. Doch niemand sagt etwas, da der Zusammenhalt und die ausgehandelte Ordnung sich als inadäquat erweisen oder angesichts des Unerwarteten und Bedrohlichen sich zersetzen. Stattdessen pfeift jeder im Dunkeln. Ein Miteinander-Kommunizieren würde erfordern, dass man schreckliche Gefühle eingesteht: Groll, grässliche Angst, Einsamkeit, Verzweiflung, Neid, Frustration, Hass, Angeödetsein. Es ist einfacher zu schweigen. Doch im Hintergrund wächst in Billy Bixbees Haus und in allen anderen, in denen solche Verhältnisse herrschen, der Drache immer mehr. Eines Tages bricht er hervor in einer Gestalt, die keiner ignorieren kann. Er hebt den ganzen Haushalt aus den Angeln. […] Unterschätzen Sie nie die Zerstörungskraft von Unterlassungssünden. »

Tragik unvertrauert begegnen


« Tragik unvertrauert begegnen », schreibt Heino Bosselmann. Das ist wohl eine der schwierigsten Übungen. Aber eben wohl auch eine sehr wichtige. Tragik löst Kummer aus. Reagierten wir auf Tragik nicht betroffen, fehlte uns das Mitgefühl. Wir wären wieder kalte Monster der Perfektion. 

Um Tragik unvertrauert begegnen zu können, erscheint es wichtig, sich bewusst zu machen, dass Tragik nichts ist, was nicht sein sollte. Tragik gehört zur condition humaine. Leben ist Tragik, ist Leiden, ist Samsara. Es gibt kein Leben ohne Tragik. 

Betrachtet man die Lebensläufe erfolgreicher Menschen, erscheint es manchmal so, als gäbe es darin keine Tragik. Meist jedoch ist deren Leben noch nicht zu Ende gelebt. Leben kann über lange Zeiträume tragikfrei sein. Posthum betrachtet, findet sich jedoch in jedem Leben die Tragik wieder. 

Illusion des Glücks, Illusion der Stärke


Ebenso könnte man bei der Betrachtung von Social-Media-Profilen den Eindruck bekommen, dass es nur glückliche Menschen gibt. Und wenn ihnen Leid widerfährt, dann meistern sie es mit Stärke und Bravour.

Dass dies eine Illusion ist, haben zahlreiche Studien gezeigt. Für Schwäche bekommt man keine Likes bei Instagram. Für schöne, stolze Gesichter, für Posen der Stärke oder der Koketterie schon. « Schaut her, ich bin toll, ich bin schön. Ich kämpfe für das Gute. Ich bin makellos », schreit es einem dort entgegen. Profile zum Bewundern. Aber nicht zum Lieben…

« Je suis le roi de l’illusion », singt Zazie. Ich bin der König der Illusion. Und weiter: « Au fond, qu’on me pardonne, je suis le roi, le rois des cons… » Man möge mir verzeihen, ich bin der König, der König der Idioten… 

Zazie: Je suis in homme. Auf Youtube.
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[1] Jordan Peterson (2019). 12 Rules for Life. Ordnung und Struktur in einer chaotischen Welt. München: Goldmann.