(Liebes-)Geschichten und Narzissmus

(Liebes-)Geschichten und Narzissmus

« Jean Twenge hat aufgezeigt, dass Nordamerika seit ungefähr zwanzig Jahren eine wahre Narzissmus-Epidemie erlebt. In dreißig Jahren ist der Anteil der Jugendlichen, die dem Satz ‚Ich bin jemand Wichtiges‘ zustimmen, von 12 auf 80 Prozent gestiegen. In den USA erfüllt einer von vier Schülern die Kriterien für Narzissmus. »

Matthieu Ricard [1]

 

« [Otto Köhler; 1937] bot Vogelarten Ei-Attrappen an, die überoptimal waren, deutlicher gesprenkelt und viermal so groß wie die eigenen Eier. Das Vogelweibchen zog diese Eier den eigenen vor. Es versuchte vergeblich, sie zu bebrüten, obwohl es gar nicht richtig auf ihnen sitzen konnte. Die eigenen Eier verdarben daneben. »

Wolfgang Schmidbauer [2]

Die Kombination der Persönlichkeitseigenschaften Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie wird als Dunkle Triade bezeichnet. Menschen mit diesen Eigenschaften erleben sich meist als den anderen überlegen (Narzissmus), meinen, der Zweck heilige die Mittel (Machiavellismus), und haben kaum Mitgefühl mit anderen (Psychopathie).

Nimmt man nun an, dass es sich bei diesen Menschen um besonders unangenehme Zeitgenossen handeln muss, denen man schon bei der ersten Begegnung das Böse ansieht, ist man naiv. Ich nehme mich da nicht aus.

Als ich das erste Mal psychisch kranken Straftätern begegnen sollte, betrat ich mit ängstlichen Gefühlen den Hochsicherheitstrakt und war auf viele düstere Gestalten gefasst. Als ich am selben Tag das Gebäude am Nachmittag verließ und durch die Stadt lief, waren meine Gefühle weitaus bedrohlicher als noch am Morgen: Hinter Zaun und verschlossenen Türen war ich wider Erwarten freundlichen, lächelnden, höflichen und zuvorkommenden Menschen begegnet, die sich in gar nichts von den Menschen in Freiheit unterschieden, auch wenn ihre Akten von Mord, Vergewaltigung und mehrfacher Körperverletzung erzählten.

Ich lernte: Man kann Menschen das Böse nicht ansehen. Was ich noch nicht gelernt hatte: Das Böse erscheint oft besonders anziehend, viel anziehender als der Durchschnittsmensch.

Der Schwindler, der genau weiß, dass seine Gefühle nicht ‚echt‘ sind, wird sich um eine weit eindrucksvollere Darstellung bemühen als ein Mensch, der tatsächlich empfindet, was er sagt.

– Wolfgang Schmidbauer [2]

Narzissten besitzen oft ein unheimlich feines Gespür für die Bedürfnisse, Sehnsüchte und Träume ihres Gegenübers. Mit diesem Wissen inszenieren sie die Erfüllung eben jener Träume in Perfektion, wenn sie ihr Opfer an sich binden wollen – der Zweck heiligt die Mittel (Machiavellismus).

Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer schreibt dazu: « Der Schwindler, der genau weiß, dass seine Gefühle nicht ‚echt‘ sind, wird sich um eine weit eindrucksvollere Darstellung bemühen als ein Mensch, der tatsächlich empfindet, was er sagt. Er wird mögliche Zweifel vorwegnehmen und entkräften. Auf diese Weise kann es sein, dass er einer Frau, die tiefe Zweifel daran hat, ob sie überhaupt geliebt wird, mehr geben, sie eher überzeugen kann als ein Mann, der sie wirklich liebt. » [2]

Liebesbeziehungen mit Menschen der dunklen Triade sind das Schönste, was man erleben kann. Sie sind schrecklich schön, « grausam schön ».

Misstraue der Idylle, sie ist ein Mörderstück

– André Heller

Am Ende jedoch sind sie nur noch « schön grausam ». Nämlich in jenem Moment, wo der Narzisst das Interesse an der Beziehung verliert und die Maske fallen lässt. Der Traum wird zum Albtraum. Plötzlich wird die gut verborgene Kälte und Gleichgültigkeit sichtbar (Psychopathie). Die Maske fällt, man selbst fällt – unerwartet und deshalb um so härter. Aus einer innigen Umarmung an der Steilküste fragt man sich im freien Fall, was passiert ist. Ob der Stoß real war oder nur Einbildung. Ob es real ist, dass man fällt. Man glaubt nicht, dass der geliebte Mensch zu so etwas fähig war. Doch das war er!

In dem Moment, wo wir auf den Felsen aufschlagen, steigt die Seele auf. Sie erwacht langsam und erkennt, dass sie Opfer ihres eigenen Traums wurde, für den sie begonnen hatte, das Drehbuch zu schreiben, jedoch nicht das Ende bedacht hatte.

Wir Menschen sind süchtig nach Geschichten

Wir Menschen sind süchtig nach Geschichten. Geschichten, die etwas erzählen, die schön sind und dem Leben einen Sinn geben. Wir konsumieren Geschichten in Form von Filmen und Serien, von Romanen und Erzählungen. Wir wollen selbst Geschichten schreiben: Manche die Liebesgeschichte ihres Lebens, andere Weltgeschichte. Beides endet in Grausamkeit.

Der Versuch, den Himmel auf Erden zu verwirklichen, produziert stets die Hölle.

– Sir Karl Popper

Jordan Peterson sagte neulich in einem Interview, dass wir die Welt nur durch Narrative erblicken. Wir stricken aus unseren Sinneseindrücken eine Realität, die zu unserer Geschichte passt. Wir halten unsere Geschichte für die Realität und glauben, die Welt ihr unterordnen zu müssen. In der Politik ist das gefährlich; in der Liebe vielleicht nur tragisch. In der Politik leiden oft tausende Menschen an den inszenierten Geschichten der selbsternannten Führer (Hitler, Stalin, Mao…), in der Liebe stirbt man vielleicht nur selbst an gebrochenem Herzen.

Shed all stories; the bad ones as the good ones!

– Alberto Villoldo [3]

Beginnen wir, unsere eigenen Geschichten abzustreifen, uns von ihnen zu befreien, fühlen wir uns plötzlich nackt und leer. Manch einer fängt an zu meditieren und glaubt, nun auf dem richtigen Weg zu sein. Dabei schreibt er gerade nur an einer neuen Geschichte, der Geschichte des meditierenden und somit besseren Egos. Manch einer streift die Geschichte der Konsumgesellschaft ab und beginnt jene von Verzicht und Minimalismus und sozial-ökologischer Gerechtigkeit zu schreiben. Linkssein ist eine Geschichte, ebenso wie Rechtssein. Trans*-Sein ist eine Geschichte, ebenso wie die Geschichte von Ehe und Familie.

Geschichten abzustreifen, wie das Alberto Villoldo mit leichten Worten beschreibt, erweist sich eher als ein Kampf mit der Hydra. Jede Geschichte, von der man sich verabschieden will, gebiert zwei neue, die erst einmal von sich behaupten, sie seien gar keine Geschichten. Und begierig stürzen wir uns auf das nächste Narrativ, das gute, das schöne, das bessere, nur um über kurz oder lang in die nächste Hölle zu fallen.

Bewusstheit bedeutet, eben jenen Prozess immer wieder aufs Neue erkennen und den eigenen Geschichten mit einem gesunden Misstrauen begegnen zu lernen.

Menschen, die glauben, immer wieder den falschen Partnern zu begegnen, begegnen immer wieder ihren eigenen Geschichten. Wenn man sich nicht in der erlebten Schönheit des eigenen Narratives verfängt, sondern bewusst und achtsam in eine Beziehung geht, erkennt man sehr schnell die Brüche in den Vorspiegelungen von Narzissten, die man sonst übersehen würde. Kleine Lieblosigkeiten, wie wiederholtes Zuspätkommen, Abwertung anderer Menschen, gleichgültige Reaktionen auf geäußerten Kummer… Man will diese Dinge nicht sehen, weil sie die eigene (romantische) Geschichte stören. Man will sich nicht den Stöpsel aus der Wanne ziehen. Doch man sollte es tun, weil man sonst früher oder später von der Klippe gestoßen wird.

Eine kleine Analogie, wie narzisstische Begegnungen verlaufen können, habe ich in meinem Blog-Beitrag « Die Narzisstin und der Hofhund » beschrieben.

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[1] Christoph André, Alexandre Jollien & Matthieu Ricard (2019). A nous la liberté! Paris: L’Iconoclaste et Allary Éditions.

[2] Wolfgang Schmidbauer (1985). Die Angst vor Nähe. Reinbek: Rowohlt.

[3] Alberto Villoldo (2022). The Wisdom Wheel. A Mythic Journey through the Four Directions. Carlsbad, California: Hay House Inc.